Der Aufstieg
Bergsteigen - das bedeutet für mich, an meine Grenzen zu gelangen. Das lernte ich bei dieser 4 tägigen Hochtour in den Ortler-Alpen. Als jüngste und am wenigsten erfahrenste Teilnehmerin kann ich dennoch auf sehr schöne, anstrengende und beeindruckende Tage zurückblicken.
Am Mittwoch trafen Wolfgang und ich nach etwa 8 Stunden Autofahrt an der Talstation der Seilbahn in Sulden auf Stephan, Max und Kevin. Um uns 1350 Höhenmeter zu sparen, fuhren wir mit der Gondel bis auf 2.610 Meter. Es lagen trotzdem noch 765 Höhenmeter zwischen uns und der Casati Hütte, die wir größtenteils angeseilt mit Steigeisen über einen steilen Gletscher zurücklegten. Etwas erschöpft bezogen wir auf der Hütte ein kleines, solides 6-Bett Zimmer und gingen nach dem Abendessen alle recht früh schlafen.
Gran Zebrú (3.851 m)
Donnerstag stand die "Eingeh-Tour", mit dem Ziel der Besteigung der Königspitze ("Gran Zebrú", 3.851 m) an. Um diesen zweit höchsten Gipfel der Ortler-Alpen zu erklimmen ging es jedoch zunächst von der Casati Hütte 330 Höhenmeter abwärts in Richtung Pizzini Hütte. Wir querten ein weites Geröll-Becken mit sehr buntem, unterschiedlichen Gestein bis zu einem kurzen Gletscherstück unterhalb des Königsjochs. Wir hatten ein paar Schwierigkeiten, im anschließenden Geröll-Feld den Weg zum Joch zu finden. Von dort aus gelangten wir über ein Stück angeseilter Kraxelei auf weiterhin recht losem Gestein zu einer kleinen, größtenteils zerstörten Holzhütte - ein Überbleibsel aus dem 1. Weltkrieg. Es ist überhaupt erschreckend, wie viele solcher Reste im Ortler Gebiet die letzten 100 Jahre überdauert haben: verrostete Dosen, Stacheldrahtzäune, Holz und sogar Munition haben die Zeit überdauert.
Der weitere Weg gen Gipfel war wenig lohnend und nach einem steilen Schneefeld von sehr lockerem Gestein geprägt. Die Höhe, Kälte und viele Steinschläge brachten mich kurz vor dem Ziel an meine Grenze - doch der Wille, endlich einmal an einem Gipfelkreuz zu stehen siegte. Dort gab es leider keine tolle Aussicht, sondern Kälte, Wind und Wolken. Dafür konnten wir auf dem Rückweg zur Casati Hütte Sonne tanken. Das letzte Stück, der Gegenanstieg, verlangte nochmal einige Kraft. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich zuletzt so verausgabt gefühlt habe. In diesem Moment hatte ich keine Ahnung, wie ich die darauf folgenden Tage überstehen soll.
Von Rifugio Casati (3.254 m) zur Payer Hütte (3.029 m)
Doch es ging. Nach mehrfachem Abwägen hatten wir als Gruppe beschlossen, den Ortler über den Normalweg und nicht über den Hintergrat zu besteigen. So stand am Freitag der Weg zur Payer Hütte an. Anfangs über Gletscher, später über das Geröll des Sulden-Ferner legten wir 17 Kilometer und 1036 Höhenmeter zurück. Besonders das letzte Stück von der Tabaretta zur Payer Hütte ließ mich erneut meine Grenze spüren - ich zweifelte, ob ich die Ortler-Besteigung am nächsten Tag überhaupt noch schaffen würde. Doch dank leckerem Apfelstrudel kam ich wieder zu Kräften und schöpfte Motivation und Zuversicht.
Ortler (3.905 m)
Der Höhepunkt der Hochtour war für mich definitiv der letzte Tag. Als letzte Seilschaft starteten wir erst 6 Uhr an der Payer Hütte. Mit Stirnlampen kraxelten wir einem malerischen Morgenrot entgegen, während der Weg immer mehr in leichte, aber ausgesetzte Grat-Kletterei überging. Für mich persönlich war das der beste Part der Gipfeltour - tolle Aussicht, alles im 1. bis 3. Grad, Klettersteig-artig und gut abgesichert. Anschließend querten wir einen bis zu 40° steilen Firnhang in das Gletscherbecken "Bärenloch", gingen am Lombardi Biwak vorbei und überholten einige andere Seilschaften auf dem Oberen Ortler-Ferner. Nach langem Steigeisen-Gehen erreichten wir etwas außer Atem, aber bei schönstem Sonnenschein nach genau 3 Stunden den (etwas überfüllten) Ortler-Gipfel (3905m). Zwar lagen die Täler in einer weißen Wolkendecke, doch erkannten wir in der Ferne die Gipfel der Bernina-Alpen.
Nach einem Stau-reichen Rückweg auf die Payer Hütte belohnten wir uns mit einem weiteren leckeren Apfelstrudel und packten unsere Rucksäcke für den Abstieg ins Tal. Die 1170 Höhenmeter bergab nach Sulden waren nach der Ortler-Besteigung eine echte Herausforderung für unsere Knie. Zum Glück erreichte uns der vorhergesagte Regen erst an der Tabaretta Hütte, von welcher wir einem Wanderweg talwärts zum Parkplatz zurück folgten. 15 Uhr beendeten wir die Tour am Auto - und der leichte Regen verebbte.
Im Nachhinein muss ich feststellen, dass ich während der Tour mehr gelernt habe, als an meine Grenzen zu gehen: ich habe gelernt, dass mein Körper leistungsfähiger ist, als ich je dachte. Sowohl physisch als auch psychisch: trotz zweifeln und inneren Kämpfen hatten wir es alle geschafft. Es waren definitiv die bisher körperlich anstrengendsten Tage meines Lebens, doch das Erlebnis war jeden Muskelkater und jede Blase am Fuß wert.
Was bleibt sind unvergessliche, aber auch nachdenklich machende Eindrücke: noch nie war mir der Klimawandel und die Folgen der Eingriffe der Menschen in die Natur so deutlich vor Augen geführt worden. Werden meine Kinder irgendwann auch noch die Möglichkeit haben, durch den wunderschön glitzernden Schnee des Oberen Ortler-Ferners zu gehen?
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